Der Schweizer Historiker und Turkologe Hans-Lukas Kieser gehört zu den raren Forschern, die diese Terra incognita betreten haben. Er ist dabei, schmerzliche Wahrheiten zu benennen, die, wie er es selbst formuliert, von der internationalen Turkologie „während des ganzen 20. Jahrhunderts weitgehend verdrängt“ worden sind.
In seinem neuesten Buch „Der verpasste Frieden“ beschreibt er, so der Untertitel, „Mission, Ethnie und Staat in den Ostprovinzen der Türkei 1839-1938“. Er beleuchtet das Umfeld, in dem eines der größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts, der Völkermord an den Armeniern, stattgefunden hat. Kieser zeigt Fehlentwicklungen auf, die zu dieser Katastrophe führten, die weitere, noch unbekanntere Katastrophen im Gefolge hatten: Die Vernichtung anderer christlicher Gemeinschaften, aber auch die alevitischer und sunnitischer Kurden. Erst wurden die christlichen Gemeinschaften, allen voran die Armenier, Opfer staatlicher Gewalt in einem Prozeß „exklusiv muslimischer Nationalisierung Kleinasiens“, so Kieser, die sich schließlich auch „im Zeichen expliziter Türkisierung gegen die Kurden“ wandte.
Bewußt wählt Kieser jenes Jahrhundert, das mit der Tansimat eine osmanische Ära von staatlichen Reformen einleitete und im Todesjahr von Mustafa Kemal, genannt Atatürk, in einem engstirnigen türkischen Nationalstaat endete, der sich bis heute zu gesellschaftlichen Reformen in seinem Osten als unfähig erweist und auch nicht bereit ist, die Fehlentwicklungen seiner Staatswerdung kritisch zu untersuchen.
Weniger der Reformwille der osmanischen Regierung brachten gegen Mitte des 19. Jahrhunderts Bewegung in den bis dahin weitgehend von der Außenwelt abgeschnittenen Osten der Türkei, als vielmehr die von Kieser sehr gründlich untersuchte Tätigkeit vor allem amerikanischer Missionare, denen zum Ende des Jahrhunderts Schweizer und schließlich deutsche Missionare folgten – die deutschen freilich mit anderen Voraussetzungen und auch Intentionen als ihre amerikanische Kollegen, einer der wenigen Punkte, wo Kiesers Untersuchung wohl noch einer Differenzierung bedarf.
Mit den Amerikanern kamen zwar auch zumeist offen anti-muslimisch eingestellte protestantische Missionare, die für ihre Variante des Christentums Jünger suchten - weil Muslime zu bekehren verboten war, blieben ihnen dafür fast nur die christlichen Gemeinschaften -, in erster Linie aber Propagandisten einer westlichen Zivilisation. Im Gegensatz zu den jesuitischen Missionaren, die nicht nur den Katholizismus vertraten, sondern auch französische Herrschaftsansprüche, waren die Amerikaner frei von imperialistischen Absichten, denen die Vereinigten Staaten jener Zeit entsagten. Ihre „weltlichen“ Ziele bestanden darin, den technischen Fortschritt, insbesondere in der Medizin, zu bringen und mehr noch den zivilisatorischen in Form von Schulen und politischen Idealen. Die Auswirkungen auf den Gast-Staat interessierte die amerikanischen Missionare anfangs wenig, was zu Problemen führte, weil, so Kieser, „die Vision von zukünftiger Gesellschaft und Reich Gottes eng mit Vorstellungen von Gleichberechtigung, Demokratie und Freiheit verbunden war, was unvermeidliche Reflexe auslöste gegen Machtträger, die diesen nicht entsprachen.“
Das breite schulische Angebot der Amerikaner wurde vor allem von den Armeniern genutzt, denen es einen Aufstieg innerhalb der zivilen Gesellschaft ermöglichte, den die Staatselite der Muslime mit Mißgunst betrachtete, allen voran der Sultan selbst. „Abdulhamid prägte das Stereotyp der ‚verderblichen’ protestantischen Schulen“, schreibt Kieser, „die nationalrevolutionärer, freiheitskämpferischer Gesinnung Tür und Tor öffnete“. Dafür freilich waren keineswegs die amerikanischen Lehrer-Missionare verantwortlich, sondern eher auf Europa ausgerichtete junge intellektuelle Schüler. Ihr Vorbild war ein Nationalstaat europäischen Musters, den sie durch Druck auf die Großmächte auch für ihr Volk durchzusetzen hofften. „Die Missionare wurden nicht müde“, so Kieser, „sich empört gegen die revolutionäre Strategie zu wenden, die einkalkulierte, dass der an keinerlei Menschenrechte gebundene osmanische Repressionsapparat pauschale Vergeltungsschläge gegen die Zivilbevölkerung verübte.“ Diese Mischung aus den Freiheitsidealen der Missionare und politischen Perspektiven, die Europa anbot, faszinierte besonders junge Armenier, in denen der osmanische und noch mehr der jungtürkische Staat sehr bald seinen gefährlichsten Gegner sah.
Eine Missionstätigkeit ganz anderer Art beschreibt Kieser in mehreren äußerst spannenden Kapiteln über die alevitischen Kurden besonders des Dersim. Diese früher Kisilbasch genannten Kurden lebten völlig abgeschieden in der Region nördlich der heutigen Stadt Elazig, und die amerikanischen Missionare waren wohl die ersten Nicht-Aleviten, die systematisch in die Dörfer dieser wenig bekannten und theologisch auch schwer faßbaren Religionsgemeinschaft gingen und einen Dialog führten. Erstaunt stellten sie fest, daß die schiitischen Kurden und die christlichen Armenier mehr vereinte als trennte. „Die Distanz zwischen Aleviten und Armeniern mißt nicht mehr als ein Zwiebelhäutchen“, beschrieb einer ihre geistlichen Führer das Verhältnis untereinander. Armenier und Aleviten hätten vermutlich bei den Wahlen innerhalb der von den Europäern vor Beginn des Ersten Weltkriegs durchgesetzten Reformen für die östlichen Provinzen gemeinsam gestimmt. „Die mögliche politische Allianz ... namentlich von kurdischen Aleviten und Armeniern, mit einem demographischen Gewicht, das rund die Hälfte der Gesamtbevölkerung in einem Grossteil der Ostprovinzen ausmachte, stellt für die Unionisten zweifellos ein Schreckgespenst am Vorabend des Weltkriegs dar“, schreibt Kieser, „die bisher ausgeschlossenen oder klar minderheitlichen Aleviten und Armenier hätten alsbald maßgeblich nicht nur das wirtschaftliche und kulturelle, sondern auch das politische Leben jener Region mitbestimmt.“
Im Völkermordgeschehen von 1915 spielten zwar die sunnitischen Kurden eine für die Armenier verhängnisvolle, wenn auch bis heute wenig untersuchte Rolle. Sie verwandelten die Hügel am Südufer des Gölcük-Sees südlich von Elazig zu grausigen Vernichtungszonen, die der Region bei den Amerikanern den Namen „Schlachthausprovinz“ einbrachte. Zehntausende von Armeniern wurden von ihnen hier auf bestialische Weise ermordet, zum Teil verbrannt, um auch noch die verschluckten Goldstücke zu erbeuten.
Die Dersim-Kurden hingegen hatten mit diesen Mordorgien nichts zu tun. Im Gegenteil. Sie erwiesen sich als die wichtigsten Helfer der Armenier während des Genozids. Sie organisierten einen Schlepperdienst für verfolgte Armenier in ihr Siedlungsgebiet und bauten eine „Untergrundeisenbahn“, wie die amerikanischen Missionare sie nannten, mit der die geretteten Armenier hinter die sichere russische Grenze gebracht wurden. Den amerikanischen Missionaren in Harput, so Kieser, „kam kein einziger Fall zur Kenntnis, in welchem Dersimkurden Frauen oder Kinder - um solche Flüchtlinge handelte es sich meistens - im Stich gelassen oder gar mißbraucht hätten“. Selbst Geldbeträge armenischer Familienangehöriger aus den USA „trugen die Dersimi sicher an ihren Bestimmungsort.“ Ein Kisilbach-Chef befreite armenische Freunde sogar mit Waffengewalt und beschütze die Verfolgten bis zum Kriegsende. Auf diese Verbundenheit reagierten die Jungtürken mit noch größerer Härte. „Nirgends wurden zwischen 1915 und 1921 die Armenier radikaler ausgerottet, die Aleviten brutaler verfolgt als in den genannten Zonen“, schreibt Kieser.
1938 kam es noch schlimmer für die Dersim-Kurden. Kurz vor seinem Tod ließ Mustafa Kemal sie attackieren und, so die immer wiederholten Verben der offiziellen türkischen Militärgeschichte, „töten“, „verbrennen“ und „vernichten“. Der türkische Ministerpräsident Celal Bayan hatte am 29. Juni 1938 in der Nationalversammlung angekündigt, „dieses Problem ein für allemal ausradieren“ zu lassen. Mit einer Grausamkeit wie gegen die Armenier ein Vierteljahrhundert zuvor, gingen die türkischen Truppen gegen die Dersimkurden vor. „Junge Männer aus dem Dersim, die in der Armee Dienst taten“, schreibt Kieser, „wurden erschossen. Die Stämme Karabal, Ferhad und Pilvank ergaben sich, aber die Männer wurden erschossen oder erschlagen, ihre Frauen und Kinder in Scheunen gesperrt und verbrannt. Die Mädchen im Dorfe Irgan wurden mit Kerosin besprüht und verbrannt.“
Während die Welt die sogenannte armenische Frage schon zur Zeit der Tansimat-Reformen wenigstens diskutierte, die kurdischen zum Ende des Ersten Weltkriegs und danach, wurde die alevitische, so Kieser, „ausser von den Missionaren international kaum wahrgenommen“. Das gilt noch heute. Als vor wenigen Jahren alevitische Schriftsteller in einem Hotel in Sivas verbrannten und dieser Massenmord von einer johlenden sunnitischen Menschenmenge vor dem Hotel gefeiert wurde, war das der internationalen Presse nur wenige Zeilen wert.
Schwerpunkt in Kiesers fundamentalem Werk ist das Wirken der amerikanischen Missionare im Osten der Türkei vor dem Ersten Weltkrieg. „Es war ein privates Großunternehmen“, so der Schweizer Historiker, „das auf einem Feld tätig war, wo die offizielle USA noch wenig zu sagen und zu tun hatte.“ Die Missionare waren sozusagen die wahren Vertreter der Großmacht im Osten, „man ist geneigt, bis 1923 von amerikanischer Nahostpolitik im Kielwasser der Mission zu sprechen“.
Durch den Völkermord hatten die amerikanischen Schulen in der Türkei ihre klassische Klientel, die Armenier, verloren. Sie wandten sich fortan vom einfachen Volk im Osten, das die Missionare zu erreichten suchten, zur städtischen muslimischen Elite. Wer in der Türkei seinen Kindern Aufstiegschancen eröffnen wollte, schickte sie zu den Amerikanern - mit Erfolg und mit Folgen. „Von evangelischer Seite mussten sich die Lehrer die Frage gefallen lassen“, schreibt Kieser, „ob nicht de facto das Amerikanisieren in der Kollaboration mit dem türkischen Nationalismus zur primären Tätigkeit, das Evangelium hingegen zur fakultativen Beilage geworden sei“. Statt regimekritischer Schuldirektoren wie im 19. Jahrhundert hatten nunmehr die Bewunderer der neuen Türkei das Sagen. Der Direktor des Tarsus Amerikan Koleji, William Sage Woodworth Junior schrieb zwei Jahre nach dem Tod Atatürks ein Lobgedicht auf Mustafa Kemal, „das völlig kritiklos“, so Kieser, „die Gründungsmythen des neuen Staates übernahm“.
Doch auch das war der kemalistischen Türkei noch zu wenig. In den dreißiger Jahren mußten fast alle amerikanischen Schulen schließen, weil sie, so die Muslim World, „die heiligen Gefühle unserer Jugend vergifteten“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wertete dann der Kalte Krieg die Türkei zum wichtigsten Partner im Nahen Osten auf mit zum Teil bizarren Konsequenzen. So hatte das Nato-Personal in der Türkei bald größere Privilegien, als es die westlichen Ausländer im Osmanischen Reich unter den Kapitulationen - deren Abschaffung die Jungtürken als einen ihrer größten Erfolge gefeiert hatten - je besaßen.
Die Haltung der Vereinigten Staaten zum Nato-Partner Türkei beeinflußte in Amerika die Wahrnehmung der türkischen Wirklichkeit in einem Maße, wie das für ein der Meinungsfreiheit zutiefst verbundenem Land schon ungewöhnlich ist. „Exemplarisch begründete die amerikanische Turkologie die verdrängende, relativierende, ja bisweilen offen sozialdarwinistische Haltung im Zeichen der Truman-Doktrin nach dem Zweiten Weltkrieg“, schreibt Kieser. Die Folge waren Werke wie die des Osmanologen Bernard Lewis, der den Völkermord an den Armeniern praktisch leugnete und deshalb von einem Pariser Gericht verurteilt worden ist.
„Aber auch Europa“, schreibt Kieser, „wird nicht darum herum kommen, öffentlich zu seinem Versagen gegenüber den Armenier in seiner eigenen Geschichte und zur Anerkennung des Völkermords zu stehen“. Anzeichen, sich der Geschichte zu stellen und die Gegenwart an jenen Werten zu messen, die die amerikanischen Missionare schon vor einem Jahrhundert in den Vordergrund stellten – Demokratisierung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft – macht Kieser selbst in der Presse der Türkei von heute aus, auch wenn es noch Minderheiten-Meinungen sind.
Kiesers Buch ist eine vorzügliche Aufarbeitung der vor allem durch die amerikanischen Missionare ins Osmanische Reich getragenen Grundvorstellungen westlicher Zivilisation sowie die wohl profundeste Darstellung eines faktischen Vielvölkerstaates im Osten der Türkei. Ob durch die Zerstörung dieses Musters - auch für ein sich einigendes Europa - ein Frieden verpaßt worden ist, mag dahingestellt sein. Eine einmalige und für immer verpaßte Chance der Türkei war es auf jeden Fall.
Die Arbeit des Schweizer Historikers ist sehr anspruchsvoll – englische, französische und selbst italienische Zitate werden beispielsweise nur im Original gebracht – und enthält eine Vielzahl von Denkanstößen. Es ist eine wichtige Lektüre beispielsweise für die Führungsstäbe in den europäischen Ministerien, die nur eine multikulturelle Gesellschaft ansteuern können, wenn sie die europäische Vielfalt nicht vernichten wollen - aber auch für jeden Türken, weil sein Staat ihm den Zugang zur eigenen Geschichte noch immer verwehrt.
[Erschienen in der "Armenisch-Deutschen Korrespondenz" Nr. 113, Jg. 2001/Heft 3]