Wolfgang Gust

Eigene Buchbesprechungen: Peter Balakian: Die Hunde vom Ararat. Eine armenische Kindheit in Amerika. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2000; 376 Seiten, DM 45.-



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Es war eine typische amerikanische Jugendzeit, die Peter Balakian erlebte. Wenn er herausging zum Spielen auf der Straße, übte er erst einmal den richtigen Ballabwurf, wie es ihm die Baseball-Stars an jedem Wochenende vormachten. Und wenn er sich vor dem Fernseher aufhielt, schlug sein Herz für die Yankies, die Football-Helden. Manchmal begleitete auch sein Vater, ein Arzt, ihn beim TV-Sportgenuß und erfreute ihn durch fachliche Kommentare. Amerika eben.

Sicher, sie saßen für Amerikaner ungewöhnlich lange am Abendtisch und aßen außerdem richtig gut. Für die typischen amerikanischen Minutensteaks hatte Peters Mutter nur Verachtung, für die Mißachtung der Familie, die sie bei den Nachbarn täglich erlebte, ebenfalls. Nun gut, das lag wohl am Orient, aus dem die Großeltern stammten und seinen sozialen Gewohnheiten. Und dann war da noch das „alte Land“, von dem ab und zu die Rede war. „Es ist ein uralter Ort, den gib’s eigentlich gar nicht mehr“, hatte seine Mutter kommentiert. Ein wenig Unbehagen bereitete ihm das alte Land schon, von dem Peter wußte, daß es Armenien war. Nur was Armenien war, das wußte er nicht.

Unheimlicher war ihm da schon das „Eenchen“, wie Peter Balakian es nennt: Großmutters ständige Fürsorge: Eench-gooz-es: Was möchtest du? Eench gooz-es oud-es: Was möchtest du essen? Wie geht es dir? Was kann ich für dich tun? Bist du okay? Eench, eench, eench. “Für die Generation meiner Großeltern und meiner Eltern“, so Balakians Interpretation, „war die Welt womöglich ein Ort, der sich verschworen hatte, einen umzubringen.“ „Behalte beim Schlafen ein Auge offen“, hatte ihm seine Großmutter geraten, als er einmal mit Masern danieder lag.

Nur langsam wurde dem heranwachsenden Balakian klar, daß Armenier zu sein nicht war wie Italiener oder Ire, auch nicht wie Perser oder Araber. Und auch nicht wie die Juden, deren Nähe er suchte und in der Nachbarschaft fand. Neidvoll sah er seinen jüdischen Freunden nach, wenn die Samstags feierlich mit ihren Eltern in einer Art Prozession, Familie für Familie zu ihrer schul gingen. Auch er wünschte sich, so zuversichtlich zur Beth-Israel-Synagoge zu gehen. „Ich stellte mir vor, daß das Mysterium, in der Synagoge zu sein, wunderbarer war als alles, was unsere neue, behelfsmäßige armenische Kirche zu bieten hatte“, erinnert sich Balakian an seine Gedanken als Siebenjähriger. „Er ist Armenier“, hatte die Mutter eines seiner Freunde zu ihrer Schwester gesagt, „aber die sind in Wirklichkeit doch einer der verlorengegangenen Stämme“.

Der junge Balakian wollte nicht einsehen, daß er kein Jude sein könne. „Dunkel und hager, sah ich mit meinem struppigen Bürstenschnitt und den leicht mandelförmigen Augen sogar aus wie ein Jude“. „Ich bin Jude, ich gehöre hierher“, sagte er seiner Mutter, „ich weiß über Abraham und den Bund Bescheid“. Die Mutter reagierte gereizt und gab ihm einen Rat, dessen Sinn er lange nicht verstand: „Binde dich im Leben nicht zu sehr an Orte, Peter.“ Immerhin war es tröstlich für ihn von seiner Mutter zu erfahren, daß die Arche Noah auf dem Berg Ararat in Armenien wieder Land berührte. „So sind Juden und Armenier eng miteinander verwandt“, war die Brücke, die ihm seine Mutter baute.

Aber was es mit diesem Armenien auf sich hatte, das wußte er noch lange nicht. Woher auch? Seine Eltern schwiegen beharrlich, seine Großmutter ebenfalls. Nur einmal hatte sie mit ihm über Rätselhaftes gesprochen, als er sehr krank war und hohes Fieber hatte. Großmutter pflegte ihn und murmelte unverständliche Worte: „Alles roch verwest. Hagop lag auf dem Boden. Hagop war kalt. Dann tropfte mir Blut seitlich das Bein hinab, und ich spürte die Münzen. Ich spürte Alice, die im Tragetuch auf meinem Rücken schlief. Die Gendarmen begannen mich zu schlagen. Einer von ihnen nahm die Peitsche. Der Türke hatte eine Axt und ein kurzes Messer mit einem Perlmuttgriff. Ich kannte ihn vom Souk in Diarbekir. Er war wie ein totes Tier auf mir. Ich fiel wie ein Rund blauer Perlen auf den Marmorfußboden im türkischen Bad. Ich sah die Frau in blau. Liebe Mutter Gottes. Der Voghormya. Der Voghormya.

Als das Fieber gewichen war, erinnerte sich der junge Balakian an die Worte der Großmutter. „Souk, Diyarbakir, türkisches Bad, Der Vorghormya“. „Wörter aus Armenien, Ortsnamen brausten mir im Kopf herum“, schreibt Balakian und fragt: „War ich Zeuge einer Erinnerung von ihr gewesen, die so schrecklich war, daß sie nur mir mitgeteilt werden konnte, einem Elfjährigen, halb im Delirium vor Fieber, im Bett liegend zwischen Dunkelheit und Licht?“

Eine unheimliche Vergangenheit tat sich vor Peter Balakian auf, eine Vergangenheit, die mit Armenien zu tun hatte. Nur fassen konnte er diese Vergangenheit noch nicht, obgleich er sich bemühte. Als er für die Schule einen Aufsatz schreiben sollte, bot er als Thema Armenien an, was sein Lehrer akzeptierte. Doch dann mußte er sein Vorhaben ändern, weil er in den gängigen Büchern nichts über Armenien fand. Also schrieb er einen Aufsatz über die Türkei, über die es genug zu lesen gab. Sein Vater bekam fast einen Anfall.

Sein Vater: Er wollte Amerikaner sein, ein richtiger Amerikaner, kein Einwanderer. Selbst mit seinen armenischen Klienten, die nur mühsam Englisch sprachen, vermied er es, sich auf Armenisch zu unterhalten. Wenn er stürbe, sagte er seinem Sohn, genüge es zu schreiben: „geboren in New York City“. Vor seinen armenischen Freunden sagte er das nicht, denn die wußten: er war in Konstantinopel zur Welt gekommen.

Das Lied der Ames Brothers mit dem Titel Istanbul ging eine Zeitlang Peter Balakian im Kopf herum. Istanbul war Konstantinopel, war ein Vers, ein anderer: Why did Constantinople get the works? / That’s nobody’s business but the Turks? Ja, warum wurde Konstantinopel denn fertig gemacht? Und was hatten die Türken damit zu tun? Langsam, ganz langsam näherte er sich der Geschichte seines Volkes, der Geschichte des Völkermords, der wahren Geschichte seiner Familie.

Ambassador Morgenthau’s Story, die Erinnerungen des amerikanischen Botschafters in Konstantinopel zur Zeit des Völkermords 1915/16 waren für den inzwischen am College büffelnden Peter Balakian der Einstieg in die geschichtlichen Fakten des Genozids, eine Reise nach Frankreich, wohin er seine beiden Tanten begleitet, der Einsieg in die Tragödie seiner Familie.

Der Mord an John F. Kennedy war der Auslöser für eine emotionale Reaktion einer seiner Tanten. Zum ersten Mal berichtete sie, zur Zeit des Völkermords wie ihre Schwester noch Kleinstkind, über das Schicksal ihrer Mutter, der eenchenden Großmutter. Die hatte eigentlich nie über den Genozid gesprochen, bis die Japaner im Zweiten Weltkrieg Pearl Harbour attackierten. Da sei ihre Mutter zusammengebrochen und habe gedacht, nun ginge es wieder los. Erstmals habe sie von der Vergangenheit gesprochen und jeden Morgen wieder gestammelt: „Kannst tun, was du willst, bald sind wir alle tot. Sie kommen.“ Zum ersten Mal hätten die Töchter von ihr das Wort „Türke“ gehört. Eine Elektroschockbehandlung hätte die Mutter dann von ihrem Wahn geheilt, und nie wieder habe sie das Wort „Türke“ erwähnt, aber immer, immer Angst gehabt. Als die Deutschen die Juden in Konzentrationslager steckten und Rußland angriffen, als die Japaner Alaska angriffen und selbst als die Marines Guadalcanal eroberten, Großmutter „übersetzte das immer noch in das Massaker der Türken an den Armeniern“.

Die beiden Töchter hatten Unterlagen der Mutter bewahrt und übergaben sie nun Peter Balakian, der erfuhr, was er sich eigentlich hätte denken können: daß die Großmutter kein Einzelkind war, wie konnte das auch sein in einer typischen armenischen Familie, und daß außen den Tanten niemand überlebte. In einem braunen Couvert hatten die Töchter einen Schriftsatz aufbewahrt, in dem die Großmutter konfiszierte Güter zurückverlangte. Da stand es nun schwarz auf weiß: die Namen der vielen Geschwister der Großmutter, von denen er nie gehört hatte, die der Cousins und Cousinen, die der Großeltern, sie alle getötet im Genozid 1915/16. Großmutter hatte ihren Mann verloren, den Vater der Tanten, die also nur Halbgeschwister seiner Mutter waren. Weil die Großmutter bereits Bürgerin der Vereinigten Staaten war, in die der Ehemann ausgewandert war, bevor er in die Türkei zurückkehrte, kümmerte sich der US-Konsul in Aleppo um sie, wodurch sie überlebte.

Aber die Großmutter hatte nie über ihre Geschichte gesprochen. Doch das tat eine Cousine von ihr, die auch überlebte und in die USA gelangte. Allerdings habe sie erst im Angesichts des Todes den Tanten ihre Geschichte erzählt – eine Geschichte, deren Details eigentlich unerträglich sind.

Großmutter und ihre Familie stammte aus Diyarbakir. Dort herrschte während des Völkermords, wie deutsche Dokumente belegen, einer der finstersten Gestalten einer finsteren Zeit: der Generalgouverneur Reschid Bey, von dem ein türkischer Kollege dem deutschen Konsul Holstein in Mossul sagte, er habe unter den Christen in Diyarbakir wie ein Bluthund gewütet. Der Vater der Cousine war eines seiner vielen Opfer. Weil er sich weigerte, sein Christentum zu verleugnen, hatten sie ihn abgeholt. Als sie ihn wieder brachten, hatte er zwei Hufeisen an seinen Füßen, waren seine Genitalien ein blutendes Knäuel, waren seine Hände, „wie Krallen um große Eisenstacheln geballt“ auf ein Brettkreuz genagelt „und die Kehle wies einen Rand von Bart am letzten Stück des Körpers auf“. Den Kopf hatten die Schlächter achtlos auf die Straße vors Haus geworfen.

Die Cousine war Zeugin eines Todestanzes armenischer Frauen, die inmitten einer gaffenden Menge in Diyarbakir mit Peitschenhieben zum Tanzen getrieben wurden, bevor sie mit Petroleum angesteckt tanzend verbrannten, umringt von ihren Kindern, manche nur zwei oder drei Jahre alt, die ebenfalls mit Peitschenhieben zum Klaschen gezwungen wurden, bis ihre Mütter verendeten.

Bei seiner Spurensuche stieß Peter Balakian schließlich auf Krikor Balakian, einen Großonkel, der als führender Kleriker zu den am 24. April 1915 in Konstantinopel verhafteten armenischen Intellektuellen gehörte und dank deutscher Hilfe den Genozid überlebte. Nach dem Krieg war er Zeuge im Prozeß gegen den armenischen Rächer Tehlirian, der in Berlin den Hauptverantwortlichen des Genozids, den Innenminister und späteren Großwesir Talaat Pascha erschossen hatte. In Marseille wirkte er schließlich als Erzbischof für die nach Frankreich geflüchteten und im unteren Rhone-Tal angesiedelten Armenier.

Der Genozid am Volk seiner Ahnen war der erste große Schock für den Literaten Peter Balakian, die systematische Verleugnung des Völkermords durch die Türkei, steter Druck auf amerikanische Behörden bis hinauf zum Präsidenten, um aufklärende Schriften und andere Werke zu verhindern, Bestechungen amerikanischer Historiker eingeschlossen, der zweite. „Kann ein Opfer überhaupt ein Verhältnis zur Vergangenheit finden“, fragt er, „ohne daß der Täter seine Untaten eingesteht?“. Seine Antwort: „Die Leugnung des Völkermords ist die letzte Stufe des Völkermords“.

Als er einmal mehr erleben mußte, wie staatliche türkische Stellen ein von ihm geschriebenes Kapitel über den Völkermord aus einem Geschichtsbuch herauskatapultierten, rief er den befreundeten französischen Nobelpreisträger Elie Wiesel an, der ihn tröstete: Er habe mit dem Präsidenten der Türkei darüber geredet und ihm gesagt: „Warum könnt ihr nicht zugeben, was ihr mit den Armeniern gemacht habt? Das würde eurer Gesellschaft helfen. Es würde euch von eurer Schuld reinigen“. Über eine Antwort des türkischen Staatschefs berichtete Wiesel nicht - weil es offensichtlich keine gab.

Wie eine Nation mit einem solch ungeheuren Verbrechen wie einem Völkermord umgehe, so Balakian, entscheide darüber, ob sie zur zivilisierten Welt gehört oder nicht. „Da die Toten im Anschluß an den Genozid entweder buchstäblich oder emotional nicht bestattet wurden“, so seine Schlußfolgerung, „ist das Gedenken auch ein Ritual der Bestattung der Toten - jenem uranfänglichen Akt der Zivilisation.“

Peter Balakian gehört zur dritten Generation der Armenier nach dem Völkermord von 1915/16. Die erste Generation, die seiner Großmutter, lebte in einem Zustand der Betäubung, der ein rationales Abarbeiten des Geschehens nicht möglich machte. Die zweite Generation, die seiner Eltern, sahen im materiellen Wohlstand „Embleme des Friedens und der Zuflucht vor einer Welt voller Schrecken und Tod“, wie Balakian schreibt. Vielleicht kann erst diese dritte Generation das zentrale Trauma einer Opfernation mit der nötigen Klarheit, aber auch Härte angehen, und damit den Boden für eine Verarbeitung des ungeheuerlichen Vorgangs schaffen.

Balakians Buch besticht durch seine Ehrlichkeit. Er versucht nicht zu vertuschen, daß er lange Zeit die Geschichte der Armenier, die er erst mit zunehmendem Alter als sein Volk ansah, ignorierte, ja nicht einmal richtig wußte, was Armenien eigentlich bedeutete. Die Tatsache, daß seine Großeltern selbst Betroffene des Völkermords waren, daß sein Großonkel Krikor Balakian eine wichtige Rolle im Osmanischen Reichs spielte, trieben ihn mehr zu den Wurzeln seines Volkes als es bei jungen Armeniern der Fall sein dürfte, die keine engen personellen Verbindungen zur Genozid-Generation mehr haben. Außer einigen Brocken spricht Peter Balakian, wie viele Emigranten, kein Armenisch mehr. So wird die Suche nach der Vergangenheit noch schwieriger, eine Suche, die Balakian mit einem weiteren Buch fortsetzt, das gerade in den USA erscheint und in dem er die – nur auf Armenisch niedergeschriebenen - Zeugnisse seines Großonkels verarbeitet. Der Genozid liegt inzwischen schon weit zurück, für die emotional betroffenen Armenier wie für Nicht-Armenier. Die Aufarbeitung dieses Megaverbrechens aber, so hat es den Anschein, steht für viele erst noch bevor.

[Erschienen in der "Armenisch-Deutschen Korespondenz" Nr. 109, Jg. 2000/Heft 3]